(10.03.2014)

Positive Zwischenbilanz zum Pilotprojekt "Anonymisierte Bewerbungsverfahren" – Schon 111 Stellen besetzt

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders, hat ein positives Zwischenfazit zum Pilotprojekt "Anonymisierte Bewerbungsverfahren" gezogen. "Im zurückliegenden Halbjahr sind bei den teilnehmenden Unternehmen und Institutionen bereits mehr als 4.000 Bewerbungen anonymisiert bearbeitet worden", sagte Lüders am Donnerstag in Berlin. Davon wurden insgesamt 111 Stellen über das anonymisierte Verfahren besetzt. Am bundesweit ersten Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren beteiligen sich fünf Unternehmen und drei öffentliche Arbeitgeber.

Im Einzelnen handelt es sich um die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, das Kosmetikunternehmen L´Oréal, den Geschenkdienstleister Mydays, den Konsumgüterkonzern Procter & Gamble, das Bundesfamilienministerium, die Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen und die Stadtverwaltung von Celle.  Nach einem halben Jahr wurde nun erstmals eine Zwischenuntersuchung durchgeführt. Dabei geht es um die Erfahrungen der Personalverantwortlichen und der Bewerbenden mit dem neuen Verfahren.

Wie Lüders erläuterte, sind die Rückmeldungen der Personalerinnen und Personaler zu dem Projekt positiv: Alle im Modellprojekt angewendeten Methoden sind umsetzbar. So werde das Fehlen einiger persönlicher Angaben in den Bewerbungsunterlagen als unproblematisch eingeschätzt. Die nun erfolgende Fokussierung auf die Qualifikationen werde tendenziell als positiv bewertet. In dem Pilotprojekt arbeiten die Beteiligten mit insgesamt vier verschiedenen Varianten der Anonymisierung: einem standardisierten Bewerbungsformular (zum Herunterladen aus dem Internet oder als Online-Maske), dem Blindschalten sensibler Daten durch ein Online-System, der Übertragung von Bewerber/innen-Daten in eine Tabelle und dem Schwärzen per Hand oder im pdf-Dokument.

"Auch die Rückmeldungen der Bewerbenden sind ermutigend", fügte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hinzu. Befragt wurden alle Teilnehmenden, die ein anonymisiertes Bewerbungsformular ausgefüllt hatten. Dabei gab eine Mehrheit von 45 Prozent an, dass sie anonymisierte Bewerbungsverfahren bevorzugen würden. Rund 19 Prozent hatten keine Präferenz, lediglich 36 Prozent bevorzugten das herkömmliche Verfahren. Auch was die Einschätzung des Zeitaufwandes angeht, äußerten sich die Befragten positiv: 44 Prozent meinten, dass es für sie keinen zeitlichen Unterschied mache, ob sie sich herkömmlich oder anonymisiert bewerben. Rund 32 Prozent erklärten, mehr Zeit für das herkömmliche Verfahren zu benötigen. Lediglich 24 Prozent sagten, dass sie für das anonymisierte Verfahren mehr Zeit brauchen.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unterstrich: "Die Ergebnisse dieser Zwischenanalyse bestärken uns in der Auffassung, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren auch in Deutschland mit seiner sehr traditionellen Bewerbungskultur durchführbar sind. Dabei sollten anonymisierte Bewerbungsverfahren nach dem Willen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes freiwillig bleiben. Die Befürchtungen in Teilen der Wirtschaft, das neue Verfahren sei enorm aufwändig und praktisch nicht umsetzbar, haben sich als unbegründet erwiesen. Vielmehr wird das neue Verfahren in der Tendenz sowohl von den Personalverantwortlichen als auch von den Bewerbenden als unproblematisch empfunden."

Tamara Hilgers, Head of Human Resources/Legal Department, bei der mydays GmbH sagte. "Für uns ist das neue Verfahren alles andere als kompliziert, da wir über ein Online-Formular anonymisiert rekrutieren. Ängste im Vorfeld, dass es einen erheblichen Mehraufwand geben würde, haben sich nicht bestätigt. Wir haben bisher alle Stellen, die anonymisiert ausgeschrieben waren, auch problemlos mit dem neuen Verfahren besetzen können."

Der Oberbürgermeister der niedersächsischen Stadt Celle, Dirk-Ulrich Mende (SPD), betonte: "Die Stadt Celle wird aufgrund der bisherigen Erfahrungen auch nach Abschluss des Pilotprojekts an dieser Praxis festhalten. Wir werden das anonymisierte Bewerbungsverfahren als Variante weiter im Portfolio behalten und sicher auch in Zukunft zu guten Ergebnissen kommen."

Bei anonymisierten Bewerbungsverfahren wird in der ersten Phase der Bewerbungsverfahren auf  Fotos sowie auf  persönliche Angaben wie Name, Alter, Geschlecht, Herkunft und Familienstand verzichtet. Die acht teilnehmenden Firmen und Institutionen probieren jeweils ein Jahr lang das neue Verfahren aus. Das Pilotprojekt wurde am 25. November 2010 gestartet. Insgesamt sollen in diesem Projekt rund 225 Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze besetzt werden. Die Stellen reichen von der Lehrlingsausbildung über Studienplätze bis hin zu technischen Berufen, Jobs im Kundenservice oder im mittleren Management.

Das Pilotprojekt wird während der gesamten Dauer wissenschaftlich begleitet und im Anschluss umfassend ausgewertet. Dafür hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) aus Bonn und die Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der Europa-Universität Viadrina (KOWA) in Frankfurt (Oder) gewonnen. Aussagen über die Effekte von anonymisierten Bewerbungsverfahren auf die Einstellung einzelner Bewerbergruppen können erst am Ende des bis Frühjahr 2012 angelegten Versuches getroffen werden.

Die Antidiskriminierungsstelle war mit Inkrafttreten des AGG im August 2006 errichtet worden. Ziel des Gesetzes ist es, Diskriminierung aus rassistischen Gründen oder wegen ethnischer Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. 

Weitere Informationen unter  www.antidiskriminierungsstelle.de

Quelle: Pessemitteilung vom 16.6.2011

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