(25.08.2015)

Wie bitte? „Hartz-IV-Empfänger werden nicht geboren, sondern dazu ausgebildet.“

25. August 2015. Dass ein Mangel an Schulbildung und beruflicher Qualifikation entscheidende Faktoren für Arbeitslosigkeit sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber darf deshalb das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit sagen, dass Hartz-IV-Empfänger teilweise „dazu“ ausgebildet werden? Diese Frage stellt sich der Deutsche Schutzverband gegen Diskriminierung e. V. (DSD).

Am vergangenen Montag zitierte das Onlineportal des Druck- und Verlagshauses „Der neue Tag – Oberpfälzischer Kurier“ eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. In dieser Studie wird deutlich gemacht, dass ein entscheidender Faktor für Erwerbslosigkeit und Leistungsbezug ein Mangel an schulischer Bildung und beruflicher Qualifikation sei. Soweit, so gut. Doch die Autoren der Studie gehen einen Schritt weiter und sagen: „Hartz-IV-Empfänger werden also nicht geboren, sondern zumindest teilweise dazu ausgebildet.“ „Diese Aussage“, so Uwe Hoffmann, Geschäftsführer des DSD (www.mehr-hartz4.net), „ist sehr unbedacht.“  Schließlich werden Kinder in Hartz-IV-Familien sehr oft hineingeboren. Allein in Thüringen leben über 17 Prozent aller Jugendlichen unter 15 Jahren in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften, bundesweit ist es jedes dritte Kind!

Kinder aus Hartz-IV-Familien haben vom Start weg schlechtere Karten als ihre Altersgenossen aus Familien, die keine Hilfe nach dem ALG II brauchen. „Selbstverständlich ist das Risiko einer so genannten Armutskarriere bei Jugendlichen ohne Schulabschluss sehr groß“, so Hoffmann. Allerdings haben es diese Kinder aufgrund mangelnder Teilhabe und Ausgrenzung auch deutlich schwerer. Dreiviertel der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen ohne Schulabschluss beziehen Hartz IV. Der DSD-Geschäftsführer: „Natürlich sind die schlechteren Bildungschancen ein massives Handicap vieler Jugendlicher beim Berufseinstieg. Doch statt diese anzuprangern, sollte die Bundesagentur für Arbeit lieber ihre Hilfsinstrumente überdenken.“ Arbeitslose Jugendliche werden auffällig oft in so genannte Ein-Euro-Jobs vermittelt. „Wer auf gemeindeeigenen Plätzen Gras gemäht oder Laub gekehrt hat, wird das wohl kaum in einer Bewerbung erwähnen“, sagt Hoffmann. „Die Qualifizierung von Jugendlichen muss viel mehr praxisorientiert sein. Dazu gehören für mich Sprachkurse für ausländische Jugendliche oder praxisgerechte Förderkurse mit echter Betreuung.“ Jugendliche Arbeitslose brauchen neue Aufgaben, neue Arbeits- und Lernformen. Dass man Jugendlichen durch Korbflechten und Papierwürfelbasteleien Lust auf Schule und Bildung machen könne, sei ein Irrglaube, so der DSD-Geschäftsführer. „So gesehen hat die Studie des IBA schon recht, wenn sie behauptet, dass Jugendliche zu Hartz-IV-Empfängern ausgebildet werden. Leider oft vom Jobcenter selbst“, bedauert Uwe Hoffmann, dessen Verein sich kostenlos um die Rechte und Belange von Hartz-IV-Empfängern kümmert.

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